Vom Funkensonntag bis zum Martinsumzug: Ein Archivbericht über den deutschen Jahresbrauchkreis
Der Mensch ist ein zeitordnendes Wesen. Er teilt das Jahr in Abschnitte, markiert Übergänge mit Feier und Ritual, gibt dem Vergehen der Zeit Gestalt und Bedeutung. In kaum einer Kulturregion Europas ist dieses Bedürfnis so vielgestaltig und regional differenziert ausgeprägt wie im deutschsprachigen Raum. Wer die Volksbrauchkalender verschiedener Bundesländer vergleicht, findet ein faszinierendes Mosaik von Überlieferungen, die bisweilen nur wenige Kilometer voneinander entfernt völlig unterschiedliche Formen annehmen.
Das Thorshof Archiv hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Überlieferungen systematisch zu dokumentieren, bevor der Wandel der Lebensformen sie endgültig aus dem kollektiven Gedächtnis tilgt. Der vorliegende Bericht versammelt Beobachtungen, Archivfunde und Gesprächsnotizen aus mehreren Recherchereisen durch deutsche Regionen.
Der Winter: Raunächte, Perchten und Lichtbräuche
Der Jahresbrauchkreis beginnt, volkskundlich betrachtet, nicht am 1. Januar, sondern in der Dunkelzeit des ausgehenden Dezembers. Die sogenannten Raunächte – jene zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar – gelten in vielen Teilen Bayerns, Österreichs und der Alpenregion als Zeit besonderer Gefährlichkeit und magischer Offenheit. Alten Überlieferungen zufolge treiben in diesen Nächten Geister und Dämonen ihr Unwesen; das Räuchern von Haus und Stall sollte böse Einflüsse fernhalten.
In direktem Zusammenhang damit stehen die Perchtenläufe im Alpenraum, bei denen vermummte Gestalten in furchteinflößenden Masken durch die Ortschaften ziehen. Die Ursprünge dieser Bräuche sind bis heute Gegenstand volkskundlicher Diskussion; fest steht, dass sie Elemente vorchristlicher Winterrituale mit christlichen Überformungen verbinden. Die Masken selbst – kunstvoll aus Holz geschnitzt und oft über Generationen weitergegeben – sind Objekte von hohem kulturellen Wert, die in Heimatmuseen und Privatsammlungen aufbewahrt werden.
Am anderen Ende Deutschlands, in Schwaben und am Bodensee, dominiert zu dieser Zeit die Fastnacht – oder, wie man dort sagt: die Fasnacht. Der Unterschied in der Schreibweise ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer eigenständigen Tradition, die sich deutlich von den rheinischen Karnevalsfeiern unterscheidet. Die Zünfte der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, mit ihren historisch verbürgten Narrenfiguren wie dem Häs-tragenden Narren aus Rottweil oder dem Federahannes aus Überlingen, pflegen Bräuche, die bis ins 15. Jahrhundert dokumentiert sind.
Frühling: Funken, Maibaum und Osterwasser
Mit dem Ende des Winters erwachen die Frühlingsbräuche. In Vorarlberg und Oberschwaben brennen am ersten Sonntag der Fastenzeit die Funkenfeuer. Auf Hügeln und Anhöhen werden große Holzstöße errichtet und am Abend entzündet; der Funkensonntag ist ein Brauch, der das Vertreiben des Winters symbolisiert und bis in vorchristliche Zeit zurückverweist. Archivquellen aus dem 16. Jahrhundert belegen, dass kirchliche Obrigkeiten diesen Brauch wiederholt zu unterbinden versuchten – vergeblich, wie die lebendige Tradition beweist.
Der Maibaum ist vielleicht das bekannteste Symbol des deutschen Frühlingsbrauchtums. In Bayern ist das Aufstellen des Maibaums am 1. Mai ein gemeinschaftliches Ereignis von großer sozialer Bedeutung. Die Dorfgemeinschaft versammelt sich; junge Männer wetteifern darum, den geschälten Baumstamm ohne mechanische Hilfsmittel aufzurichten. Zuvor aber muss der Baum bewacht werden, denn das Stehlen des Maibaums durch Nachbardörfer ist ein erlaubter – ja, erwarteter – Teil des Brauchtums, der zu langwierigen Verhandlungen und gemeinsamem Feiern führt.
Weniger bekannt, aber volkskundlich ebenso bedeutsam, ist das Sammeln von Osterwasser: In verschiedenen Regionen Norddeutschlands und Sachsens war es Brauch, am Ostermorgen vor Sonnenaufgang schweigend Quellwasser zu schöpfen, dem heilende Kräfte zugeschrieben wurden. Wer auf dem Weg zur Quelle sprach, brach den Zauber. Solche Bräuche, die auf schriftliche Quellen kaum gestützt werden können, weil sie in der mündlichen Überlieferung lebten, sind besonders gefährdet.
Sommer und Herbst: Johannisfeuer, Erntedank und Kirchweih
Die Sommersonnenwende und das Johannisfest am 24. Juni waren in vielen Teilen Deutschlands mit Feuerbräuchen verbunden. Das Johannisfeuer – ein Brauch, der in Bayern, Thüringen und dem Rheinland dokumentiert ist – vereint das Springen über das Feuer als Reinigungsritual mit dem geselligen Zusammenkommen der Dorfgemeinschaft. In einigen Regionen wurden dabei Kräuterbüschel geflochten und verbrannt, um Schutz für Mensch und Vieh zu erbitten.
Den Höhepunkt des bäuerlichen Jahres bildete die Ernte, und mit ihr das Erntedankfest, das in Deutschland am ersten Sonntag im Oktober gefeiert wird. Die geschmückten Erntekronen, die Prozessionen und die Dankgottesdienste sind zwar in ihrer heutigen Form stark von der Kirche geprägt, doch die volkskundliche Forschung hat nachgewiesen, dass die zugrundeliegenden Praktiken – das Bewahren der letzten Ähren, das rituelle Abschneiden des letzten Getreidehalms – weit in vorchristliche Fruchtbarkeitskulte zurückreichen.
Eng damit verbunden ist die Kirchweih (Kerwa, Kilbi oder Kirtag je nach Region), das Fest zur Einweihung der Dorfkirche. Ursprünglich ein religiöses Ereignis, entwickelte sich die Kirchweih in vielen Orten zu einem mehrtägigen Volksfest mit Tanz, Musik und Jahrmarkt. Die regionalen Unterschiede in Bezeichnung, Termin und Ablauf dieses Festes sind ein eindrucksvolles Zeugnis für die Vielfalt der deutschen Volkskultur.
Herbst und Vorbereitung auf den Winter: Sankt Martin und Totengedenken
Mit dem November beginnt die Zeit des Gedenkens. Der Martinstag am 11. November ist in weiten Teilen Deutschlands, besonders in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Bayern, durch die Laternenumzüge der Kinder geprägt. Das Teilen des Mantels mit dem Bettler – die ikonische Szene aus der Legende des heiligen Martin – wird dabei in Laienspielen nachgestellt. Dass dieser Brauch heute vielerorts lebendig ist, verdankt sich dem Engagement von Schulen, Kirchengemeinden und Elternvereinen.
Das Totengedenken zu Allerheiligen und Allerseelen hat in Süddeutschland und im Rheinland eine besondere Intensität. Das Schmücken der Gräber, das gemeinsame Gebet auf dem Friedhof, das Aufstellen von Lichtern – diese Praktiken verbinden die Lebenden mit den Verstorbenen und stiften Kontinuität über den Tod hinaus.
Bewahrung als kulturpolitische Aufgabe
Die Dokumentation dieser Bräuche ist keine antiquarische Liebhaberei. Sie ist eine kulturpolitische Notwendigkeit. Bräuche, die nicht aufgezeichnet, nicht erklärt und nicht weitergegeben werden, sterben mit der Generation, die sie noch kennt. Das Thorshof Archiv versteht sich daher als aktiver Partner für Heimatvereine, Volkskundemuseen und lokale Kulturträger, die dieses immaterielle Erbe lebendig halten.
Die Stärke der deutschen Volkskultur liegt in ihrer regionalen Vielfalt. Diese Vielfalt zu bewahren bedeutet, der Vereinheitlichung und dem Vergessen entgegenzutreten – und den kommenden Generationen ein Erbe zu übergeben, das sie mit ihrer Geschichte verbindet.